An der Grenze Panamas zu Costa Rica.
Ich war schon 14 Stunden unterwegs, seit ich Panamas Hauptstadt hinter mir liess.
Dies in einem umbequemen Dieselbus, der sich laut durch die panamerikanischen Strasse quälte.
Voll, überladen, teilte ich die Fahrt mit diversen Rassen: Weisse, Mulatten, Schwarzen, Hühner, Hasen und einem kleine Affen – und etlichen Transistorradios.
Diese, waren seit Beginn der Reise in einen ohrenbetäubenden Konkurrenzkampf getreten.
Das Gequatsche der Mitfahrer, das Gegacker der Hühner, das Geschrei des Affens, all dies wäre erträglich gewesen, doch die lauten Radios brachten mich nah an den Wahnsinn.
Glücklicherweise, da sie mit Batterien funktionierten, gab einen nach dem anderen, seinen Geist auf.
Hier, an der Grenze Costa Ricas, als wir nachts um 2 ankamen, überlebten nur noch drei davon.
Alle mussten hier aussteigen. Costa Rica galt zu jener Zeit als Oase des Friedens.
Es war der einzige Staat, der keine Armee unterhielt, und dennoch herrschte Frieden, Ordnung und Zufriedenheit. Kaum zu glauben.
Da war der Süden, Panama mit seinen sozialen Konflikten und im Norden, in Nicaragua tobte ein Bürgerkrieg.
Und weiter noch, Guatemala und in El Salvador schlugen sich ja auch die Köpfe ein.
Nicht umsonst besass Costa Rica den Spitznamen „die Schweiz Zentralamerikas“.
Einmal ausgestiegen, wurden wir in zwei Kolonnen eingeteilt; In der ich mich befand, stand eine Leibesvisitation bevor. Ich wehrte mich heftig dagegen, denn ich hatte ja nichts zu verheimlichen und ich war der einzige Gringo. Ich protestierte lautstark „ich werde mir doch nicht von einem Mann den Arsch betatschen lassen“.
Nach kurzem Wortwechsel wurde ich aus der Reihe gerufen. Geht doch, dachte ich mir.
Doch stattdessen wurde ich in einen Untersuchungsraum geführt.
Halt die Schnauze und warte, brüllte mich der Zöllner an. Kaum eine Minute später, stand ich in diesem Raum, einer Zöllnerin fast zweimal so breit wie ich, mit Gummihandschuhen.
Schwitzend, aufgedunsen, mit Bartstoppeln, und extrem starken Mundgeruch: ein Gemisch aus Knoblauch und Zahnfäulnis, soweit ich das beurteilen konnte.
„Hemd ausziehen und Hose runter“ befahl sie mir,“und die Stiefel auch. Minuziös durchsuchte sie meine Sachen.
Jetzt stand ich nackt bis auf die Unterhose vor ihr, und sie starrte mich mit stechenden Augen an.
Beschämt schaut ich auf meine Lenden und dachte „jetzt muss ich mich ganz entblössen“. Auch die Unterhose, wimmerte ich beim Anblick ihrer Gummihandschuhe.
Bueno Gringo, da drin hast Du sicher nichts versteckt, und ansonsten müsste es sehr, sehr klein sein, meinte sie mit einem lakonischen Tonfall. Und befahl dann: Ab,in den Bus.
Ich war der erste im Bus, denn so schnell habe ich mich selten angezogen.
Von da aus beobachtet ich, wie ein Dutzend Mitfahrer verhaftet wurden, wegen Drogen und Goldschmuggels bezichtigt.
Gott sei dank, konnten wir weiter fahren. Als das letzte Transistorradio erstarrte, roch ich an meinem Hemd und es stank nach Knoblauch…

Tage später befand ich mich an der karibischen Küste Costa Ricas begleitet von Isac, einem schwarzen Rastafari, der so sportlich gebaut war, dass Tarzan neidisch geworden wäre. Immer nur barfüssig, seine Füsse zweimal so breit wie meine.
Als ich ihn vor drei Tagen traf, bot er sich als Fremdenführer an, als ich ihm mein Ziel im Norden, zur Grenze Nicaraguas offenlegte.
Da ja dort Bürgerkrieg herrschte gab es öfters Grenzüberschreitungen von Seiten der Rebellen, daher fand ich es sinnvoll, mich nicht alleine in dieses Gebiet zu wagen.
Mit einem alten Kahn tuckerten wir in einem Fluss parallel zur Küste in den Dschungel hinein.
An Bord waren mit dem Kapitän, zwei fünfköpfigen Familien und acht Grenzsoldaten.
Beobachtet wurden wir von Brüllaffen, unzählige, mir unbekannte Vögel und lauernde Alligatoren.
Während der Fahrt merkte ich, dass die Soldaten sich über mich abschätzend äusserten, und als ich ihnen erzählte, dass ich die Riesenschildkröten beim laichen beobachten wollte,h örte ich sie sagen,“Der hat einen Knall, wie alle Gringos.“
Bei einem späteren Gespräch prahlten sie, dass sie Schiesserlaubnis hätten, um die Grenze zu sichern und sie seien alle hervorragenden Schützen.
Weit nach der Dämmerung kamen wir an unserem Ziel Tortogerus an.
Glücklicherweise war es Vollmond, denn es gab kein elektrisches Licht, und dank ihm konnte man sich orientieren.
Isac organisiert uns zwei Hütten für je einen US Dollar. Mein Ziel war jedoch, in dieser Nacht, die Schildkröten zu beobachten.

Gegen zwei Uhr morgens war es soweit; die gigantischen Urtiere strandeten, quälten ihren Körper ungefähr 200 Meter den Strand hinauf, buddelten mit einer Flosse ein circa ein Meter tiefes Loch, und legten unzähligen Eier hinein.
Ein für mich faszinierendes Naturschauspiel. Plötzlich wurden Isac und ich von einer auf uns gerichtete Taschenlampe irritiert, es waren drei Grenzwächter auf Patrouille. Mit gezückten Pistolen kamen sie auf uns zu und als sie uns erkannten, sagte einer „el Gringo loco“.
Der Versuch bei Ihnen Interesse an dieser aussterbende Spezies zu wecken, musste ich schnell aufgeben. Der eine sagte grinsend „Altro problema Gringo, a qui es la guerra.“
Lachend gingen sie weiter und wir widmeten uns wieder den Schildkröten zu.
Am nächsten morgen wurde ich von Schüssen geweckt. Erschreckt stand ich vor meiner Hütte, da mein erster Gedanke, ein Ueberfall der Rebellen,war. Zu meinem Glück sah ich die Grenzwärter am Strand, die Schiessübungen durchführten. Zwei von ihnen sahen mich und riefen mir zu: „e Gringo venga a qui“. Ich solle doch auch mal probieren, eine Flasche zu treffen. Auch wenn ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich mit Waffen nichts am Hut habe, hielt ich schon eine geladene Pistole in der Hand. Sie witzelten und wetteten gegenseitig, nur einer bot für mich. Nun gut, ich konzentrierte mich, – zielte – schoss und traf.. Ein wahrer Glücksschuss, dies liess ich mir aber nicht anmerken. Lässig und abschätzend gab ich die Pistole zurück. Lange Gesichter blickten mir entgegen, ausser einem. Jetzt war kein Gringo mehr zu hören, nur noch „bueno senor, claro senor, si senor“.
So leicht verdient man sich Respekt.