Im Osten, Santiago de Cuba, geprägt durch seine Mischkulturen. Die Kubaner sind keineswegs rassistisch. Der Sozialismus verbietet ihnen dies. Alle sind gleichgestellt. Ausser jenen, die das Land regieren und die anderen, die dagegen sind, haben gar keine Rechte. Doch die Kubaner sind stolz. Stolz auf Fidel und stolz darauf, dem Erzfeind, den imperialistischen Yankees Paroli bieten zu können. Für sie soll nur die sozialistische Revolution wichtig sein. „La Revolution o La Muerte“ kann man überall lesen. Doch sind sie auch sehr gebildet. Das System hat durchaus sein guten Seiten. Kostenlose Bildung und Gesundheitswesen sind nur zwei davon. Obwohl nichts intakt ist, funktioniert es irgendwie doch. Irgendwie, und vor allem Irgendwann. Dazu kommt ein sehr angenehmes Klima, zwar warm aber nicht zu heiss, dass jedoch keine tropischen Krankheiten zulässt. Dass bunte Treiben in dieser Stadt, beobachtete ich also schon seit ein paar Tagen. Nun sollte es weitergehen nach Camauey, mit dem Zug, eine Stadt im Herzen der Insel. Ich reservierte mir einen Platz schon zwei Tage im voraus, sicherheitshalber. Der Zug hatte jedoch nur einen Tag Verspätung. Also sass ich im Express der Revolution im vordersten Abteil das unter anderem auch für Touristen reserviert ist. Der Express raste. . . . mit 40 bis 50 Stundenkilometer durch das Land. Er durchquerte die Sierra Madre, wo einst Fidel mit andern Bärtigen, seinen Siegeszug gegen den bösen Diktator begann. Schon dreissig Jahre ist es her. Die Versprechungen, die er damals verkündete, wurden jedoch kaum eingehalten. Mein Abteil teilte ich mit einer Mutter und ihren drei Kinder. Wir kamen sehr schnell ins Gespräch. Schon bald bot sie mir an, dass ich bei ihnen in Camauey wohnen könne. Seit Beginn meiner Reise lehnte ich nie solche Angebote ab. Sie vermittelten einen direkten Einblick, wie das Leben sich hier abspielte. Zudem bietet es den Kubanern die Möglichkeit direkt an die so begehrten Devisen zu kommen. Denn der Peso ist kaum etwas wert.
Maria heisst die Frau. Bueno, und ich freute mich mit ihrer Familie ein paar Tage das Leben zu teilen. Wir unterhielten uns stundenlang, da die Fahrt nicht wie vorgesehen sieben, sondern elf Stunden dauerte.
Um ein Uhr morgens waren wir alle froh, als der Zug in den Bahnhof von Camauey einfuhr. Ihr Ehemann wartete schon ungeduldig neben dem Haus des Stationsvorsteher. Als Transportmittel stand uns ein Side-car, BMW, Jahrgang 1938 zur Verfügung. Ihr Ehemann begrüsste mich freundlich mit seinem Namen, Pedro. „Da sind wir ja Brüder, Namensbrüder“ meinte er erfreut. „Wir wohnen auf der anderen Seite der Stadt, City Tour inklusivo.“ informierte mich Maria. Ich durfte mich in das Side setzen. Einen Koffer hinter mir, zwei vor mir, und den dritten über mich gestapelt. Die drei Kinder mit Maria und Pedro auf dem Motorrad. Ich kam mir vor wie in einem Panzer, Made in Alemannia. In jeder Kurve hatte ich Mühe die Koffer festzuhalten und der Panzer war ohne Federung inklusivo. Nach der Ankunft wurde von Fidel und Che, den bösen Amis, von Schokolade und Uhren erzählt. Mir vielen fast die Augen zu. „Gute Nacht Marie, gute Nacht Pedro“, „Buenas Noche Pedro Hermano“

Statt wie vorgesehen zwei, blieb ich fünf Tage bei Maria und Pedro. Ich hatte sie ins Herz geschlossen und ich denke, umgekehrt war es auch so. Der Abschied fiel mir schwer. Eigentlich wollte ich wieder den Revolution Express nehmen, doch er fuhr nur auf dem Fahrplan. Jetzt war ich ein bisschen in der Klemme. Denn ich musste unbedingt am nächsten Abend in Varadero sein. Ich erwartete meinen Freund Jo, denn mit ihm wollte ich noch ein paar Wochen die Insel bereisen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ein Auto mit Fahrer zu mieten. Doch wie finde ich diesen? Ganz einfach in Kuba. Man fragt einfach jemanden auf der Strasse. Wie ein Lauffeuer verkündigt sich meine Anfrage. Auf mein Angebot hin, meldeten sich innert kürzester Zeit ein dutzend Leute. Das Problem hingegen war die Wahl, auch nur ein halbwegs fahrtüchtiges Auto auszuwählen. Ich entschied mich für einen Cadillac, Baujahr 1954, hellblau oder was von der Farbe noch übrig blieb. Ich gewann also 16 Jahre gegenüber dem Side-car. Er verfügte nur über einen Fahrersitz – beim Beifahrer war eine Art Stuhlsessel angebracht und statt Rücksitze eine Matratze. Eine Probefahrt wollte ich mir nicht entgehen. Er hustete, spuckte und ratterte. Aber er fuhr. Da ich keine Alternative hatte, schlug ich ein. Der ausgehandelte Preis für die zirka 450 Kilometer waren 20 US Dollar exklusive Benzin. Nachts um drei Uhr sollte es los gehen.
Juan, so hiess mein Chauffeur, kam pünktlich eine halbe Stunde zu spät. Dies ist auf Kuba üblich. Sogleich wollte ich vorne Einsteigen. Doch der Beifahrersitz. . äh. . Sesselstuhl, war schon besetzt. Von einem schlafenden Zwerg. Deswegen hatte ich ihn auch nicht gesehen. Er braucht einen Beifahrer für die Rückfahrt, erklärte mir Juan unmissverständlich. Dies verstand ich auch, und akzeptierte. Die Fahrt war natürlich illegal. Man muss Devisen eigentlich von Gesetzes wegen deklarieren.
Es ging los. Juan sang und der Zwerg schnarchte. Und ich wurde auf der Matratze hin und her geschüttelt. Bis anhin gab es noch kaum Verkehr als wir das Städtchen Caspar erreichten. Juan sang noch unentwegt, und der Zwerg schnarchte noch immer. Wir hielten an einer Tankstelle. Juan tankte, während der Zwerg nun aufwachte und aussteigen wollte. Jedoch klemmte seine Tür. Ich öffnete sie ihm. Bis anhin, hörte ich den Zwerg nur, doch jetzt in der Morgendämmerung, sah ich ihn erst richtig. Ein Meter Dreissig, von oben bis ganz unten, schätze ich. Zwerge sind ja klein, doch dieser besonders. Sein Kopf schien so gross wie sein Brustkorb. Er hatte zwei furchterregende Augen mit grossen buschigen Augenbrauen. Das glatte Haar durchtrennt in der Mitte mit einem exakten Scheitel. Ich fragte ihn nach seinem Namen. Doch Juan antworte stattdessen. „El Peccenio“ – übersetzt der Kleine – „ah, claro“. Er kaufte sich eine Flasche Rum und setzte sie dreimal an. Sie leerte sich fast um die Hälfte. Juan war am tanken, und ich dachte, nicht nur der Zwerg, säuft zuviel.
Das Städtchen lebte nun auf. Plötzlich wimmelte es von Leuten. Juan liess den Wagen wieder an, und wir fuhren langsam wieder los. Damit „El Peccenio“ etwas sehen konnte, klammerte er sich an der geöffneten Fensterscheibe fest. Jedesmal wenn nun ein hübsches Mädchen vorbei lief, piff er ihr nach, labberte etwas, pfiff wiederum, und beendete mit „linda linda Chica mhhhh“. Danach trank er wieder einen kräftigen Schluck. Dies wiederholte sich etliche Male. Und auch Juan stierte den Frauen nach. Danach bogen wir auf die einzige Autobahn Kubas. Wir teilten sie mit Ochsenkarren, stickigen, überladenen Bussen, Fahrräder und Fussgängern. Wo die fixen Polizeikontrollen stattfanden, wusste Juan genau. Diese mussten wir jeweils auf Schotterstrassen umfahren. Zurück auf der Schnellstrasse, brachte der Cadillac locker seine 100 kmh. Den Rum kotzte der Zwerg inzwischen aus dem fahrenden Auto. Urplötzlich bremste Juan abrupt. Den Zwerg bugsierte es an die Frontscheibe, womit er sich eine blutige Nase einhandelte. Er begann an zu fluchen und wollte damit gar nicht aufhören. Der Grund für die Vollbremsung war eine für ihn unvorhersehbare Kontrolle. Und, was jetzt? Er beginnt zu singen, lauter als sonst und gibt Vollgas. Wir rauschen an der Patrouille vorbei. Die Polizisten versuchen nun hastig ihrerseits die Motorräder in Gang zu bringen. Es gelingt nur einem. Der Andere versuchte mit heulender Sirene uns zu folgen, was ihm jedoch nicht gelingt. Juan singt weiter, jedoch wieder gelassener, und der Zwerg putzt sich seine blutende Nase. Die Polizei hätte mit ihren veralteten Motorrädern nie den Hauch einer Chance gehabt uns zu verfolgen, und ihre Funkgeräte haben nur eine kurze Reichweite. Ich konnte es nur hoffen.
Danach durchquerten wir Santa Clara und die überdimensionale Statue des Che begrüsste uns. Und überall die bekannten Plakate „Viva la Revolution“ „Patria o Muerte“ und „Viva Fidel“. Und wieder rafft sich „El Peccenio“ hoch, labberte und rief „Chica Chica“.
Etwa 200 Kilometer weiter – Juan sang nun ein neues Lied, und der Zwerg schnarchte wieder – mit blutender Nase. Auch ich döste vor mich hin. Als ich wieder erwachte, standen wir still. Aus der Motorhaube dampfte es. Ich schaute auf meine Uhr, wir hätten es spielend geschafft, Mist. Und jetzt dies, dachte ich mir. Juan öffnete die Haube, fummelt etwas herum, und ruft „Peccenio, Peccenio“. Der Zwerg wollte aussteigen. Doch die Türe klemmte ja noch immer. Er begann wieder zu fluchen. Ich öffnete sie ihm von neuem. Während er sie zuschlug, gab er ihr noch einen Tritt, mit neuen Fluchwörtern. Er geht zu Juan, der hob ihn hoch, sozusagen in den Motor hinein. Schraubenschlüssel und Zieher…, Hammer und Fluchwörter wechselten sich ab. Ich sass nun neben dem Wagen, um mich vor der Sonne zu schützen. Nach zwanzig Minuten sass Juan am Steuer, und zündete den Motor. Es gab einen heftigen Knall begleitet von einer Dampfwolke, doch der Wagen sprang an. „El Peccenio“ kletterte runter, ganz in Schwarz und ohne blutende Nase, immer noch fluchend. Es war jedoch ein anderes. Es war ein Zufriedenes.
Endlich kamen wir an. Pünktlich. Ich sah einen Check Point, darüber gross beschriftet: „Benvenido en Varadero“. Juan erklärte mir, für sie sei hier Endstation. Nur Kubaner, die dort arbeiten ist der Zutritt erlaubt. Stellen wir uns vor, uns Schweizer wäre es nicht erlaubt, nach Zermatt zu reisen, sofern wir dort nicht arbeiteten. Fidels Sozialismus lässt Grüssen.
Unerwartet für Beide bezahlte ich das doppelte. Dies veranlasste „El Peccenio“ zu einem fluchenden Freudentanz. Er streckte mir seine Hände empor, gleich einem Kind. Fragend schaute ich zu Juan. Er nickte. Also hob ich „El Peccenio“ hoch. Er drückte und umarmte mich.
Nun ging ich zu Fuss weiter, und versuchte die Reise zu verdauen. Ich wusste nicht, das Zwerge so fluchen konnten, trotzdem ärgerte ich mich, dass ich seinen Namen nicht kannte.