Madagaskar 1986

 In Weltreise

„Was tue ich denn da? Ich tanze, ja, ich tanze mit einem Skelett“ ging es mir durch den Kopf. Wie es dazu kam? Nun ich will euch die Geschichte von Beginn an erzählen.
Madagaskar ist und bleibt einzigartig. Hier entfaltet sich eine enorme Vielfalt an Flora und Fauna. Sie hat eine in sich eigene Evolution in der Weltgeschichte hinter sich gebracht.
Ich bekam den Stempel 852/86 in den Pass gedrückt. Es war im November und es bedeutete, dass nur 851 Ausländer vor mir diese Insel besuchten. Beim Stempeldruck ahnte ich nicht, dass ich mehrere Monate und später noch des öfteren diese Perle besuchen würde. Es war zwar jedes Mal ein komplizierter Hürdenlauf, um ein Visa zu bekommen. Es dauerte fast vier Monate und verlangte mehrere Besuche, die ich mit einem enormen Papierkram in der Botschaft zu bewältigen hatte. Madagaskar gehörte zu jener Zeit der Bruderschaft der Sozialistischen Staaten an.
Voller Neugier durchquerte ich die Insel in allen Richtungen der Windrose. Jede einzelne Provinz unterschied sich von der nächsten, um so mehr, da sie noch von 17 verschiedenen Ethnien bevölkert wird.
Es war hier ein sehr leichtes Unterfangen, Kontakte zu knüpfen. Die Weissen, meist Franzosen oder Wissenschaftler verschiedensten Länder, lebten meisten unter sich. Ihr Aufenthalt war mit temporären Verträgen verbunden, die zwischen vier bis acht Jahren dauerten. Eigentlich ging es ihnen sehr gut. Sie hatten Dienstboten für jeglichen Bedarf. Köchinnen, Wächter, Putzfrauen, Chauffeure, Kindermädchen etc… Doch oft langweilten sich auch. So kam es des öfteren vor, dass ich von Botschaftern, Dozenten, Wissenschaftlern oder Geschäftsleute spontan eingeladen und ihr Gast für mehrere Tage wurde. Und dies in jeder grösseren Ortschaft. Für sie bedeutete es, dass sie mit Neuigkeiten, die ich aus Europa oder den Städten, die ich eben gerade besucht hatte, eindeckten. Fernsehen gab es nur in der Hauptstadt, und Telefon, falls es überhaupt funktionierte, nur in der jeweiligen Provinz. Eine 2-3 Monate alte Zeitung baten hier oft die einzigen Neuigkeiten.
Schon bei meiner ersten Reise lernte ich Robert kennen. Ein Franzose, der mit der sympathischen Madagassin Chantal verheiratet war und mit ihr zwei Kinder hatte. Immer wieder war ich sein willkommener Gast. Mathematik und Physik-Professor an der Universität hier in Tamatave an der Ostküste. Es ist einer der grosszügigsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. In seinem Haus konnte ich ein und ausgehen, wie es mir beliebte. Durfte auch sein Auto oder gar sein heiss geliebtes Motorrad ausleihen, so oft ich nur wollte. Ich durfte, ja er bestand sogar darauf, Gäste einzuladen. Er selbst, wortkarg, eher scheu, schlicht und sehr tiefgründig. Ein überzeugter Atheist. Für ihn musste es für alles eine rationale Erklärung geben. Eben ein Physiker. Für Gott gibt es keine Formel, also existiert er auch nicht. Oft ereiferten wir uns in stundenlangen Streitgesprächen, was unsere Freundschaft aber nur noch vertiefte. Chantal erzählte, dass er noch nie mit einem Menschen so lange Gespräche führte, wie mit mir.
Als ich wieder einmal nach einer Kurzreise zurückkam, sagte sie mir, dass Robert heute keine Zeit hätte und sehr beschäftigt sei. Ich verweilte im Garten und trank den Saft einer Kokosnuss. Er erschien trotzdem. Er schlug mit einer Machete auch eine Nuss auf, und setzte sich zu mir.
„Hallo Mino, kann ich dich um einen grossen Gefallen bitten?“ fragte er scheu.
„Wie könnte ich dir je etwas ausschlagen? Ist doch selbstverständlich.“ antworte ich sogleich.
„Nun, es ist dreht sich um folgendes. Es wird aber den ganzen Tag in Anspruch nehmen, vielleicht noch mehr.“
„Klar doch, rück raus.“
„Komm bitte in mein Büro.“
Es klang ein bisschen Geheimnisvoll, muss ich zugeben, und folgte ihm. Er öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Sogleich gab es einen Durchzug und es flatterten tausende Geldscheine durch die Luft.
„Merde, merde, merde.“ fluchte er. „Jetzt können wir von vorne beginnen.“
„Was denn?“
„Na das Geld zählen. Morgen will ich ein neues Auto kaufen. Ich habe es vor sieben Monaten in Frankreich bestellt. Gestern ist es im Hafen angekommen und nun muss ich das verdammte Geld zählen. Dazu bräuchte ich deine Hilfe.“ und öffnete einen grossen Schrank der vollgestopft mit Geldscheinen war.
Nun, es war so dazumal. Der wertvollste Madagassische Geldschein betrug den Wert von fünf Dollar. Man besass also schnell viele Geldscheine, die jedoch ziemlich wertlos waren. So setzen wir uns also zu dritt hin und zählten und zählten bis tief in die Nacht hinein. Die gesamte Summe passte nur knapp in drei Reisekoffer, hatte aber nur den Wert von 8000 Dollar.
Am nächsten Tag fuhren wir zum Autohändler, womit das ganze Prozedere mit dem zählen aufs Neue begann.
Am Abend parkierte ich vor dem Haus. Das neue Auto. Er und Chantal fünf Minuten später mit dem Alten. So ist er eben, Robert.

Drei Monate später, nach dreitägiger Fahrt, dreckig, durchgeschüttelt und müde, sass ich in einem Taxi-Brousse, zuglassen für fünf Personen. Wir waren neun, die dieses Abenteuer auf sich nahmen. Unzähligen Pannen hatte wir zu beheben. Es sind wahre, ich nenne sie, Kunstmechaniker, die diese Schrotthaufen wieder reparieren können. Träumte schon seit zwei Tagen von „Le Papillon“, denn ich hatte einen unheimlichen Hunger. Es hatte den Ruf das beste Restaurant in Madagaskar zu sein. Ich konnte das nur bestätigen, denn ich hatte schon die Gelegenheit, es zu testen, als ich auf dem Hinweg einen Halt einlegte. Doch kurz vor der Ankunft nochmals eine Panne. Ich nahm mein Gepäck und entschloss, den letzten Kilometer zu Fuss zu bewältigen. Da umarmte mich an den Beinen plötzlich ein sitzender Bettler und streckte mir seine Hand entgegen. Doch dann verkrampfte er sich, hustete und speite unaufhörlich Blut auf meine Schuhe und. . . . starb. Ich war schockiert, und versuchte mich von seiner Umklammerung zu lösen. Um uns versammelten sich viele Leute und beobachteten die Szene. Zwei Madagassen hoben den Bettler auf, und brachten ihn fort. Ich war immer noch wie gelähmt.
Jemand der neben mir stand, versuchte mich zu beruhigen und meinte, “Er hat nun seinen Frieden. Weisst du, das passiert hier fast täglich. Jetzt geht es ihm viel besser.“
Mir jedoch nicht.
Später sass ich auf der Terrasse des so langersehnten Restaurants. Hunger hatte ich keinen mehr, bestellte mir aber ein Glas Wasser. Es war der gleiche Kellner, der mich schon vor sechs Wochen bedient hatte. Eigentlich in typischer Kellnermontur – weisses Hemd, eine gebundene Fliege um den Hals, und schwarze Falthosen. Doch statt Schuhe trug er hohe gelbe Gummistiefel. Da, er klein gewachsen war, reichten sie ihm bis über seine Knie hinaus. Selten bot sich mir ein so groteskes Bild. Ich versuchte mir das Lachen zu verkneifen, doch es gelang mir nur bedingt. Ich fragte ihn, wozu die Gummistiefel gedacht seien. „C`est la saison de la pluie monsieur.“ antwortete er mir, als hätte ich eine dämliche Frage gestellt und entfernte sich mit seinen quietschenden Gummistiefel.
Ich übernachtete in einer nahegelegenen Bungalow-Anlage. Als ich die Formalitäten hinter mich gebracht hatte, sollte ich dem Butler folgen. Er würde mich zur Unterkunft führen. Nur ein kurzer Weg führte dahin und ich erkannte schon die Nummer. Der Eingang befand sich rechts, doch zu meinem Erstaunen umrundete er es von links, um dann wiederum an diese zu gelangen. Doch der Schlüssel passte nicht. Wieder umrundeten wir dieses um den passenden Schlüssel zu holen. Diesmal liess ich ihn die Umrundung selbst tätigen und wartete schon vor der Türe auf ihn. Er schloss die Türe auf, doch mir blieben ein paar Fragen offen.
Die Antworten sollte ich am nächsten Morgen von einem italienischen Missionar bekommen, mit dem ich das Frühstück teilte. Wir sassen in der hintersten Ecke. Beide bestellten wir Kaffee mit je zwei Croissants. Abends zuvor fand ein grösserer Anlass in diesem Saal statt, so dass noch überall Dreck vorhanden war. Ein Angestellter wischte den Boden. Der Kellner brachte den Kaffee des Missionars und lief wieder zurück um meinen zu holen. Holte dann das erste Croissant, diesmal gab er es mir zuerst, um denselben Weg nochmals zu betätigen für das zweite. „Der Zucker fehlt. Du hast den Zucker vergessen“ meinte der Italiener forsch. Dieses Mal schlurfte er, als hätte er Blei in den Füssen. Der Kaffee war inzwischen kalt geworden. Ich erzählte ihm nun von dem Ereignis des Mysteriums mit den Umrundungen des Vorabends und hoffte auf eine Erklärung. Mit seinem frappantem Akzent bekam ich zu hören, „Ah, verstehe das du das nicht verstehen kannst. Nur die Madagassen verstehen dies. Es gibt hier Fadys. Fadys sind Tabus. Eine jede dieser Ureinwohner hier, bekommt eines von dem Ältesten bei seiner Geburt auferlegt. Es sind also Verbote. Für uns Weisse unergründlich den Zweck und Sinn verstehen zu wollen. Man würde dabei nur verrückt werden. Ich aber nehme an, und bin mir fast sicher, das der Butler eines auferlegt bekam, dass er nie, wirklich nie, ein Haus von der rechten Seite her öffnen darf. Wegen den Geistern. So werden sie in die Irre geführt.“ Er schnaltzte mit der Zunge und fragte. „Capitoooo?“
„Si Capito“ antwortete ich. Inzwischen hatte der Angestellte den Haufen Dreck zusammen gewischt. Er schob diesen nun auf ein Schäufelchen, ging ans Fenster, und bugsierte es in den Garten. Dort wischte ein anderer Angestellter, der nur verdutzt schaute, aber nichts sagte, und begann es zu säubern. Komische Logik.

Ah, fast hätte ich es vergessen. Ich tanzte ja mit dem Skelett. An einem Morgen fuhr ich mit Chantal in ihr Dorf, wo ihre Familie lebte. Sie lud mich ein, das ganz grosse Fest „Famdiahna“ mitzuerleben. Alle gehörten dem Volksstamm der Merina an. Alle paar Jahre hohlen die Lebenden ihre toten Verwandten aus der Gruft. Wer tot ist, ist nicht tot. Trompeten und Flöten ertönen und werden benutzt, um die Feier einzuleiten. Der Zuckerrohr Schnaps fliesst in Strömen. Sie glauben, die Toten steuern das Dasein. Mit viel Ehre und Respekt werden die Verstorbenen ausgebettet, dann werden sie mit Kleidern, Krawatten und Hut angezogen. Noch eine Zigarette ins Gebiss und dann wurde getanzt, im Rhythmus der Musik. Eine Bastmatte hält das Skelett zusammen. So durfte ich, mir als Ehre erwiesen, mit der Grossmutter Chantals bis in die frühen Morgenstunden tanzen. Es war ein fröhliches Fest. Geweint wurde nicht. Nur kurz beim Abschied, wenn man sie wieder vorsichtig mit Schnaps und anderen Sachen, die das Jenseits versüssen sollen, wieder in die Gruft legt. Dann erzählt man ihnen noch ein paar wichtige Geschichten der Dorfgemeinschaft und flüstert ihnen zärtlich zu „Au revoir“, „Auf Wiedersehen“ zu.