Napoli

 In Geschichten

Neapolitaner sind keine Italiener, sie sind Neapolitaner. Sie sind einzigartig. Ich besass das Glück eine Reise in diesen Trichter der Fantasie, Theatralik und Freundlichkeit zu tauchen. Aber sie sind auch mit einem spitzbübischem, schelmischen, zugleich auch dramatischem Kostüm bekleidet und mit einer grosser Prise Selbstverherrlichung bepudert. Weiss man dies, ist es leicht hier Tage zu verbringen, die einem noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben werden.

Kaum angekommen, beobachtete ich eine Szene, die frisch aus einem Fellini-Film sein könnte. Der Busfahrer gestikulierte, als gehe es um sein Leben, mit seinem Kollegen über die Arbeitsbedingungen. Die seien qualvoll und unerträglich. Dieser wiederum bejahte dies mit den gleichen verwerflichen Handzeichen. Eines war klar und deutlich. Sie waren sich einig. Inzwischen hätte der Bus seit zehn Minuten losfahren sollen. Zudem seien natürlich alle Politiker schuld an der ganzen Misere, die wiederum würden ja überhaupt den ganzen Tag lang nur die Steuergelder der gut arbeitenden Lavoratori verschleudern. Damit waren natürlich sie gemeint. Sie waren sich wiederum einig.

Der Bus hatte nun fünfzehn Minuten Verspätung.
Jetzt wurde über den Fussball dekortiert. Ja, dieses Jahr würden sie es ihnen zeigen, denen vom Norden. Endlich, ja, dieses Jahr wird es soweit sein. Demonstrativ zeigte ein Fahrgast auf seine Uhr.
Er solle doch nicht so zimperlich sein, es sei jetzt sowieso viel Verkehr, da käme es so oder so nicht auf ein paar Minuten an. Und beide Arme zeigten in den Himmel, als ob dieser Schuld wäre.

Zwanzig Minuten.
„Vieni! fumiamo ancora una Cigaretta“ Und beide genossen gemütlich noch den blauen Dunst.
Plötzlich ging alles ganz schnell. Die beiden verabschieden sich inbrünstig küssend. Und mit einem enormen Ruck fuhren wir los.
Derselbe Fahrgast der vorhin auf die Uhr zeigte, liess lauthals seinen Ärger freien Lauf. Eine halbe Stunde, es sei eine volle halbe Stunde, die er den ehrlichen Steuerzahler gekostet habe.
Die Hände in der Luft, nicht etwa am Steuer, antworte er ihm, sie seien sowieso inakzeptabel diese Arbeitsbedingungen, eben, die gleiche Leier nochmals. Und jetzt, er solle es doch einsehen, er habe recht, jetzt sind wir im Stau. Mach doch die Augen auf.

Neunzig Minuten später sahen wir das Endziel, den Hafen. Doch kurz vor der Haltestelle blockierte ein falsch parkiertes Auto die Durchfahrt. Gehupt wurde ein dutzend Mal. Geflucht würde hundert Mal. Und der heilige San Genaro musste mit dem Fahrer mitleiden. Als der Falschparkierte kam, war alles, aber auch wirklich alles schnell vergessen. Denn es war eine durchaus hübsche Fahrerin. Die Türen gingen sogleich auf, und die Gäste mussten nun noch die fünfhundert Meter laufen. Als wir am aussteigen waren sagte ich ihm schnippisch und leicht sarkastisch, dass ich auch für die letzten fünfhundert Meter bezahlt hätte, und er mir eine Rückzahlung erstatten müsste. Er verstand meinen Humor und lobte San Genaro. Auf die Frage hin, wo meine Anlegestelle sei, antwortete er mir höflich, es sei in entgegen gesetzter Richtung, und ich müsse ihm jetzt für die weniger gelaufenen Meter mehr verrechnen. Neapolitanischer Humor. Mit einem Augenzwinkern verabschiedete wir uns!

In Procida, die unbekannte Schöne, die ruhige, diejenige die auch in ganz Italien aber auch mit Schrecken verbunden ist. Das schöne an ihr ist, man kennt sie weniger als ihre Geschwister Capri oder Ischia. Das Schreckliche, sie war jahrhundertelang eine der gefürchtetsten Gefängnis-Inseln. Hier war mein Standbein während dieser Woche. Es war Ende Oktober und immer noch von der Sonne verwöhnt. Ich nahm einen Cappuccino deren Milchkrone jeweils mit einem Schaumherzchen dekoriert war und ich beobachte diese kurze Szene.

Der stolze Inselpolizist, ein eleganter bis aufs i-Tüpfelchen gepflegter Geschäftsmann dessen Profumo man schon aus der Ferne roch, und ein einfacher kleiner und schielender Fischer bestellten je einen Ristretto an der Bar. Synchron roch jeder zuerst den Duft von seinem Kaffee. Synchron reden sie auch los. Wer wem zuhört ist nicht zu erahnen. Da kamen Kurznachrichten im ewig angeschalteten Televisione. Der Geschäftsmann und der Caribiniere lauschten aufmerksam zu. Der kleine Fischer jedoch regte sich bei jeder Kurznachricht dermassen auf, von explosiven Fluchwörter begleitet und jeweils am Ende eine Handgeste deren Sinn jedem klar ist. Den Stinkefinger. Nur… es fehlte ihm dieser. Es war nur ein kleiner Stumpf übrig. Hatte ihm ein Fisch diesen abgebissen, fragte ich mich. Doch bei jeder Meldung meinte er lauthals, leicht hüpfend „Wisst ihr, was der mich kann, das hier!“ Eben begleitet von dieser unrühmlichen Hand-Gestik.
Es waren Politiker, Umweltschützer, oder eine gegnerische Fussballmannschaft denen dies galt. Bis ihn der Polizist forsch anpackte, ihm tief in die Augen schaute und ihm zurief. „Mit diesem Stumpf kannst du dir ja nicht einmal in der Nase bohren, also was soll das. Mit dem kitzelst du ihnen ja nur das A…loch. Du würdest Ihnen nur einen Gefallen tun“. Das ganze immer begleitet von der typischeren umherfuchtelnden Hände à la Neapolitanisch. Der schielende Fischer verliess nun wütend das Café und rief dem Kellner zu „Il Carabiniere bezahlt die Rechnung“!