Panama City. Eine Stadt unter den Tropen. 100{d04400b2dc833066dd5393a73fad349ae70199b1674cd46b92577d3ed2b47150} Luftfeuchtigkeit. Sie schlägt mir entgegen, als ich um fünf Uhr morgens aussteige. Ich komme von Miami her in diesen Bratofen. In einer Minute bin ich patsch-nass. Es fühlt sich an, als habe ich mit den Kleider geduscht. Nach der Zollkontrolle fahre ich direkt ins Hotel das ich voraus gebucht habe.
Morgens erkundige ich die beiden so verschiedenen Teile der Stadt. Der eine Teil typisch US-Amerikanisch mit seinen Wolkenkratzer. Der andere im spanischen Kolonialstiel, aber schon ziemlich verfallen. Auf dieser Erde gibt es wohl kaum Orte, indem sich nicht fast alle Gene der Menschheit vermischen. Kein Wunder, denn die ganze Welt schlängelt sich durch den 82 km langen Kanal. Der Atlantik ist seit dem mit dem Pazifik verbunden. Eine Technische Meisterleistung seiner Zeit. Sie zollte jedoch mit dem Preis tausender Menschenleben, verursacht durch das höllische Klima. Gelbfieber und Malaria rieben sich die Hände und verschlangen diese armen Seelen. Ich durchquere die engste Stelle des Amerikanischen Kontinentes. An Bord eines Schiffes fluten um mich mehrere Schleusen, um die Weiterfahrt zu ermöglichen. Andere Schleusen öffnen sich gleichzeitig, die des Himmels. In kurzer Zeit ist der Himmel schwarz, und der Regen prasselt nieder. Einmal diesen durchquert erwartet mich eine der gefährlichsten Städte dieses Planeten, Colon. Gauner, Diebe, skrupellose Händler und Mörder sind sich hier Nachbarn. Sie ist wohl aber interessant, da sich eine Stadt in der Stadt befindet in der es eine Freihandelszone gibt. Hermetisch mit hohen Mauern und Stacheldraht umzäunt, und unzähligen Eingangskontrollen. In dieser Enclave sind alle wichtigen Firmen anwesend, und verkaufen Zollfrei ihre Produkte. Chinesen, Inder, Araber, vor allem Libanesen, Juden und Amerikaner Seite an Seite teilen sich die Märkte. Das ganze scheint mir Paradox. Da schlagen sie sich auf anderen Teilen dieser Erde die Köpfe ein, und hier treiben sie täglich Handel miteinander. Ganz friedlich.
Auch ich erwirtschafte mir ein paar gewinnbringende Geschäfte. Für
die Rückfahrt nehme ich mir den Zug, der sich durch den dichten Urwald schlängelt. Es kommt mir vor, als lässt sich der Dschungel nicht kleinkriegen. Immer wieder schlagen Pflanzen an den ratenden Zug, als wollen sie ihn erschlagen. Den Kopf aus dem Fenster zu heben ist schlicht hin Lebensgefährlich. Es wird behauptet, dass unter jedem Querbalken der Gleise fünf tote Chinesen begraben sind. Denn auch sie verabschiedeten sich hier vom irdischen Leben.
Das nächste Ziel, das ich nun erkunden will, sind die Inseln San Blas. Sie sind nur von den Kuna Indianern bewohnt. In der Schweiz versuchte ich in verschiedene Bibliotheken so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Jedoch sind diese spärlich gewesen. Dies reizt mich umso mehr, diesen noch relativ unerforschten Archipel anzupeilen. Zufälligerweise lerne ich die Tochter des Stammes Häuptling am Campus der Uni in Panama City kennen. Sie studiert hier, denn der Staat fördert die Indio Stämme und dessen Eingliederung. So besteht die Möglichkeit für Stammes Hoheiten hier zu studieren. Sie erklärt mir die Grundkenntnisse, die ich brauche, um auch bei Ihnen akzeptiert zu werden.
Die Anreise hingegen ist viel komplizierter, als ich sie mir vorstellte. Zuerst muss ich mir ein Propellerflugzeug mieten, um wiederum die Landenge zu durchqueren. Wie landen auf einer dieser 300 Inseln. Eine Meisterleistung des Piloten, den er muss auf einer sehr kurzen Landebahn die Kontrolle unter schwierigen Verhältnisse nicht verlieren. Ich sehe, dass es anderen vor uns nicht gelang. Denn am Ende der Piste liegen drei verbrannte Wracks. Danach muss ich ein Schlauchboot benützen, das mich auf die so genannte Ilia Principale fährt. Sobald ich gestandet bin, kommt ein hohes Mitglied des Stammes und fragt mich den Grund meines Besuches. Die Kunas sind ziemlich scheu und schotten sich ab. Ich kann ihn überzeugen, indem ich antworte: “Ich forsche im Leben, und will dieses teilen. Es interessieren mich Kulturen, die ich in der Schrift aufzeichne, so dass sie nie vergessen werden.“ Ich denke, dass nur dieser Geistesblitz mich nicht an der Weiterfahrt hindert. Er nimmt meine Erklärung an. Jetzt darf ich, mit ihm in einem Einbaum weiter paddeln bis ich mein Ziel erreiche.
Als ich ankomme empfängt mich der Häuptling. Er ist sehr wortkarg und fordernd. Er verlangt dass ich mein ganzes Gepäck deponiere und will dass ich sein Volk nicht störe. Diese Grundsätze weiss ich ja schon von seiner Tochter. So überraschen mich seine Forderungen nicht. Hingegen verwundert mich dass er überhaupt keine Neugier erkundet, da ja sehr sehr selten Fremde diese Inseln aufsuchen. „Hier kannst du schlafen“ und zeigt auf eine Hütte, die abseits der anderen liegt. „Ich weiss warum du hier bist. Schreibe auf, was du siehst und erzähle es weiter. Du musst dich um nichts kümmern, das Essen wird dir zugereicht.“ Die Hütte, in der ich mich mit ein paar wenigen Sachen die er mir noch gab einrichte, ist sehr primitiv. Sie ist leer, mit Sandboden, eine Hängematte mit einer Decke. Sonst nichts. Die Insel, so schätze ich, ist mit ungefähr 500 Leuten bevölkert. Doch das ausser gewöhnlichste ist, ich bin der Grösste. Doch nicht im Sinne eines jetzt grössenwahnsinnigen Reisenden. Nein, ich bin wirklich der Grösste. Mit meinen bescheidenen 1 Meter 65 übertreffe ich jeden Inselbewohner um mehrere Zentimeter. Seit meiner Ankunft versuche ich, mich mit jedem Mann, die Frauen sind sowieso noch kleiner, zu messen. Indem ich bei Gesprächen mich genau achte, auf welcher Höhe seine Augen sind. Es ist so, keine übertreffen meine.
Ich nehme an, dass dies nie wieder in meinem Leben vorkommen wird.
Ansonsten vergehen die Tage sehr skurril. Es kommt mir vor, dass niemand von mir Notiz nimmt. Man ignoriert mich förmlich. Ich werde das Gefühl nicht los, unerwünscht zu sein.
Ich glaube, dass vielen der Aufenthalt langweilig geworden wäre, doch mich fasziniert er immer mehr.
Es gibt keine Zeit hier. Es fühlt sich so an, als wäre ein Tag eine Woche. Keine Hektik, kein Lärm. Und da es kein Strom gibt, auch keinen Lärm. Die Kunas kommunizieren immer sehr ruhig und gelassen. Das einzige, was die Stille unterbricht sind die Kinder beim Spielen und der Wind, der die Palmen streichelt. Wie kann ich es in Worte fassen? Ich fühlte mich wie in Watte eingebauscht. Meine Gedanken fliessen anders. Ruhiger und Gleichmässig. Wie in einem Trancezustand.
Erst am vierten Tag wird dieser unterbrochen. Der Sohn des Häuptling, Emando, ist von Panama City zurück gekommen. Dort absolviert auch er sein Studium. Die andern Indios stehen um ihn herum, und stellen ihm allerhand Fragen. Und er stellt sich ihnen brüstend. Doch entgegen meinen Erwartungen, kommt er mich nicht begrüssen. Aber ich spüre, wie er mich intensiv beobachtet.
Ich lasse die Situation wie sie ist. Will mich nicht aufdrängen. Am Abend liege ich am Strand in der Matte und schaue in die Sterne, und durch diese Ruhe, auch in mich hinein. Ich musste ja am ersten Tag ja auch meine Uhr abgeben, dadurch verliere ich noch mehr das Zeitgefühl. Irgendwann in der Nacht esse ich noch das Fleisch einer Kokosnuss und falle in einen tiefen Schlaf. Ich werde durch Geräusche geweckt, zünde Streichhölzer an. Da sind zwei Ratten am Seil der Matte und schauen mich verdutzt an und ich zurück, Die dritte entledigt sich dem Rest der Nuss. Ich klatsche in die Hände, und die Viecher rennen davon. Ich kann wieder einschlafen. Am nächsten Morgen, die Toilette. Auf einem Steg, zirka 20 Meter lang über dem Meer. Dahinter eine kleine Hütte, mit einem Loch. Man lässt es einfach rein plumpsen. Ich schaue ins Wasser unter mir und sehe, dass sich sogleich ein Schwarm gelb-weisser Fische um die Beute streitet.
Als ich zurück in meine Hütte gehe, sitzt Emando im Schneidersitz am Boden. Zu meinem Erstaunen begrüsst er mich mit ihrem Stammes Gruss. Man beugt sich leicht vor, Stirn an Stirn, und schaut sich tief in die Augen und legt die rechte Hand an dessen Schulter. Er spricht perfekt Spanisch, und sagt zu mir: „Fremder, es ist mir eine Ehre, dich heute Abend einzuladen. Es wird einen Festschmaus geben. Wir Kunas sind sehr misstrauisch gegenüber Fremden. Meine Vorfahren lebten einst auf dem Kontinent. Zuerst wurde uns das Gold geraubt, dem wir keine Bedeutung zumassen. Danach schenkten sie uns ihre Krankheiten. Und zuletzt raubten sie unser Land und vertrieben mein Volk auf dieses Archipel. Du aber bist anders. Du bist uns ähnlich. Von Anfand an hast du unsere Sitten geachtet. Du bist nicht aufdringlich und zolltest jedem von uns Respekt. Heute Abend werden wir zusammen feiern. Ich habe auch drei Kisten Bier bestellt. Sie werden kühl sein. Komm, wenn die Musik beginnt.“ Er lächelte freundlich, drehte sich um und ging.
Zugegeben, ich bin ein bisschen perplex, dachte ich doch die ganze Zeit, ich sei ein Störfaktor in dieser Idylle.
Es ist schon dunkel, da höre ich einfache, rhythmische Töne, verursacht durch eine Bambusflöte. Das Festessen besteht aus gelb-weissen Fischen. Ach ja, die habe ich ja schon heute morgen gesehen. Will eigentlich nicht länger darüber nachdenken. Doch trotzdem kommt mir in den Sinn, dass der Kreislauf des Lebens sich immer wieder schliesst. Die Frauen schenken mir noch gestrickte Molas. Es ist Neumond heute Nacht, und man kann fast nichts erkennen, wenn das Feuer nicht mehr genährt wird. Da die Temperatur 25 Grad beträgt, war es nichts mit dem „kaltem Bier“. Ich bin noch nie ein Biertrinker gewesen, geschweige denn lauwarmes. Für Emando ist das Biertrinken ein Männlichkeitsstatus. Je mehr ein Mann trinkt, desto mehr wird er geachtet. Ich danke dem Neumond. Ich schütte jedesmal im verborgenem das laue Bier heimlich und vorsichtig in den Sand. Dann werfe ich die leere Dose auf den schon erheblichen Haufen. Jedesmal wenn Emando das Geräusch hört, trinkt er seine im Eiltempo leer.
Das Spiel dauert noch eine ganze Weile. Der Büchsenberg wird immer grösser und grösser. Ich selbst habe aber nur etwa 4 getrunken, bei Emando hingegen muss das dutzend weit überschritten sein. Sein Spanisch versteht er wohl auch selbst nicht mehr. Ich bekomme nur noch mit, dass er mir zwei 13-jährige Mädchen für die Nacht anbietet. Natürlich lehne ich dieses Angebot respektvoll ab. Stehen kann er schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Dann ein letzter Versuch noch mit den Worten: „Du bist ein starker, starker Mann, Fuerto Hombre . . . Stlong Maan. . . „sinkt in die Knie, den Kopf vorüber und Bumm – Einschlag in den Sand und schläft ein.
Am nächsten Morgen ist meine Abreise. Ich sehe wie der Häuptling von der Nebeninsel zu uns her paddelt. Das Geld, das ich ihm anbiete, will er nicht. Er gibt mir meine Sachen zurück. Und ich schaue nicht nach, denn ich weiss, dass nichts fehlen wird. Emando schläft immer noch im Sand, wo ich ihn letzte
Nacht zurückliess. Der Häuptling geht zu ihm, schüttelt ihn und flucht in an. Emando steht auf und kotzt. Danach kommt er zu mir und meint: Fuerto Fuerto Hombre. . Stlong Maan“